Saying goog-bye to Martha & Paula

April 09, 2019

Seit ich 18 Jahre alt bin, habe ich Hasen aus dem Tierschutz. Meist schiebe ich den Gedanken an den Tag, an dem ich Abschied nehmen muss, weit weg. Und das, obwohl ich manches Mal beim Einzug schon weiss, dass der eine oder andere Hoppel keine volle Lebenserwartung hat. Aber dass ich zwei Hasen innerhalb vier Tage verliere und der dritte schon in der Schlange steht .. das ist einmalig und richtig beschissen.

  
Martha hat uns am 16. März verlassen. Die Umfangsvermehrung hat  rapide in den letzten Tagen zugenommen, so dass mir schon klar war, da schwelt irgendetwas vor sich hin. Und so war es dann auch .. die Tierärztin konnte den genauen Sitz des Tumors schon gar nicht mehr erkennen, da der gesamte Bauchraum befallen war. Ich dachte eigentlich, wir hätten noch ein paar Tage zusammen. Aber als ich sie am nächsten Morgen gesehen haben, war mir klar, sie muss nicht leiden, nur damit ich ein paar Tage Aufschub bekomme. So haben wir sie zu Hause einschläfern lassen. Mir ging’s richtig schlecht danach … wie immer, wenn ich die Entscheidung treffen muss. Ich frage mich stets, hab ich alles richtig gemacht, hätte ich noch etwas anderes ausprobieren können u.s.w. Meine alte Dame wurde 11. Ein biblisches Alter für einen Hasen .. und wenn man das von einem Hasen sagen kann .. she lived life to the fullest, die kleine alte Schabracke.

Wisst ihr eigentlich, wie Martha zu ihrem Namen kam? Meine Oma hatte in den 70ern eine Freundin, die Martha hiess. Mit zunehmendem Alter wurde die Gute richtig schrullig. Ich kann mich als kleiner Knirps noch an die Sonntage in Herrenalb erinnern. Wir sassen in einem Café und Tante Martha (sie wollte immer, dass ich sie so nenne) hat ihr Stückchen Sahnetorte nicht mehr ganz geschafft.

Also, schwups. Handtasche auf, Stück Torte vom Teller reingedrückt. Einfach so. Ich wünschte, ich hätte ein Bild vom Gesicht meiner Oma damals .. unbezahlbar. Ich war so klein, aber das hat prägenden Eindruck hinterlassen. Die Sonntage im Café waren danach auch angezählt, da Tante Martha kurz danach verstorben ist. 

So, und der Kauf vom Hasen Martha war so eine Art Kurzschluss .. die Ausnahme unter den Tierschutzhasen .. ausnahmsweise mal ein Baumarkthase .. shame on me, I know. Vorbeigelaufen .. rückwärts marschiert .. dem Typ gesagt .. HABEN WILL .. da ja unvorbereitet, also ohne Transportkäfig, nimmt der Typ so nen kleinen Wellensittichkarton ohne Guckloch und drückt den Hasen in den Karton wie Tante Martha das Stück Torte in die Tasche. (Ich hab übrigens noch einen Transportkorb gekauft für die Heimfahrt .. Martha musste nicht in der Pappschachtel sitzen). So kam die kleine alte Schabracke zu ihrem Namen.
Martha, Paula und Finn waren so ein eingeschworenes Trio .. und ich hab Martha, die als Erste ging, so unendlich vermisst. Hätte ich nur gewusst, daß ich vier Tage später nachts Paula beim Sterben begleite .. schrecklich. Ich hätte sie wahrscheinlich vorzeitig erlösen lassen. Aber dass sie sterben wird (ohne dass wir sie erlösen) - hatten wir überhaupt nicht erwartet.
Seit zwei Jahren hatte Paula immer wieder mit EC-Anfällen zu kämpfen .. wir haben diese dank der Vitamin B12-Ampullen  jedoch immer wieder ganz gut  in den Griff bekommen. Paula war ohnehin meine kleine Baustelle ..  aufgewachsen in einem dunklen Bauwagen, gestapelt in einem winzigen Hasenkäfig. Hat zeitlebens mit Blasenschlamm gekämpft und vier heftige EC-Anfälle überlebt. Der Titerwert war so hoch, dass die Notfallklinik beim ersten Mal meinte, sie hätten so etwas noch nicht gesehen und die Erfolgschancen seien ausserordentlich gering.
Mit viel Mühe, Päppeln, Lagern im Wäschekorb, wenn die Anfälle mal wieder zu schlimm waren, haben wir es letztendlich immer wieder geschafft. Bis zu diesem Tag, drei Tage nach Martha’s Tod. Stress wie so ein Verlust kann das ja auch auslösen ... Paula fing aus heiterem Himmel zu krampfen an, dieses Mal haben auch die Notfallmedikamente kaum etwas gebracht, die Vitamin B12-Dosis war dreifach so hoch wie sonst … hinzu kam, dass sie ihre Hinterläufe plötzlich überhaupt nicht mehr bewegen konnte.



Also nochmal meine Tierärztin geholt ... die Diagnose war allerdings sehr schlecht ..  auch ein Tumor stand im Raum, der auf das zentrale Nervensystem drückt .. anyway, am Tag darauf hat Paula plötzlich eine solche Verbesserung hingelegt, dass keiner von uns mit dem Schlimmsten gerechnet hätte. Ich war so glücklich, sie konnte plötzlich wieder laufen .. zwar wackelig, aber immerhin. 

Gerade, als ich dachte, auch dieses Mal schaffen wir das wieder, fing sie um halb elf nachts an fürchterlich zu krampfen. Ich hab sie immerhin noch im Arm halten dürfen .. ich stand unter völliger Schockstarre … Martha hatte ein tolles Leben und durfte 11 werden … Paula wäre nächste Woche erst vier geworden. Beide fehlen an allen Ecken ...
Ganz zu schweigen von Finn's Kampf  .. die Osteomyelitis schreitet so wahnsinnig voran .. noch frisst er und er bekommt ausreichend Schmerzmittel .. aber die Tage sind auch hier angezählt .. seit er alleine ist, ist er anhänglich ohne Ende .. abends schaut er mit mir Fernsehen, nachts schläft er neben meinem Bett. 

Und so lautet meine Devise: quetschen wir nochmal mit aller Gewalt das letzte bisschen quality time aus den verbliebenen Lebenstagen raus. Tagsüber habe ich ihn des öfteren sogar im Büro mit dabei, damit er die verbliebenen Mittel alle  zwei Stunden bekommt .. das ginge sonst ja gar nicht. Abends liegt er mit uns auf der Lounge im Garten oder schaut mir vom Esszimmer aus beim Kochen zu.

Wir versuchen nun, Tag für Tag zu nehmen … was haben wir sonst auch für eine Wahl?

Herzliche Grüße,

Nana

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